zurück zur Startseite Diskussions-Übersichtsseite

Wie nah darf der Lautsprecher an der Wand stehen?

Peter Strassacker Dr. Peter Strassacker
seit 1977 Lautsprecherbau
Bücher über Materialforschung und Feldtheorie
Boxen wie Lagrange 98, Pascal, Sub 10-60

Hinweise zur Aufstellung
Dennis Frank befragte dazu
Peter Strassacker (7/2004).
 
 

Dennis:
Peter, viele Kunden wollen ihre Boxen möglichst nah an die Wand stellen. Wie nah darf man an die Rückwand? Wie nah an die seitlichen Wände?

Peter:
Boxen sind in der Regel neutral abgestimmt. Das bedeutet, sie sind so konstruiert, dass eine neutrale Wiedergabe bei einigermaßen freier Aufstellung im Raum entsteht. Im Wohnraum verwenden wir gerne als Faustformel 1 Meter Abstand zur Wand.

Unterschreitet man diesen Abstand deutlich, so erhält man eine Bassanhebung durch die Reflexion an der Wand, da jetzt die tiefen Töne, die sich normal kugelförmig ausbreiten, eben nur noch in eine Raumhälfte oder im Eck in ein Raumviertel ausbreiten können.

Da die abgestrahlte Energie etwa gleich bleibt, gibt es an der Wand, wo dann nur in eine Richtung abgestrahlt wird, etwa 4-6 dB und im Eck sogar bis zu 10 dB Anhebung.

Dennis:
Man erhält also eine Bassanhebung, die uns oft als wumpsiger Bass erscheint? Wie ist es nun mit dem Bassreflexrohr, das nach vorn oder nach hinten zeigt?

Peter:
Prinzipiell ist es egal ob das Bassreflexrohr nach vorn oder nach hinten zeigt - das hat auch Visaton mit den VOXen bei 10 cm Wandabstand nachgemessen.

Wenn man eine solide (gemauerte oder betonierte) Rückwand hat, ist das Bassreflexrohr nach hinten mit nur 2-3 cm Wandabstand oft hilfreich. Durch den schmalen Spalt wird das Bassreflexrohr verlängert; damit wird es tiefer abgestimmt, wodurch der Schalldruck im Tieftonbereich 1-3 dB abnimmt. Dies gleicht dann die Anhebung durch die Wandnähe um 4-6 dB zum Teil aus.

Dennis:
Die Bassanhebung gilt natürlich auch für die Seitenwände.

In Zeitschriften wie Stereoplay liest man oft, dass Boxen wie sogar JMLab bei 100 Hz eine leichte Anhebung im Frequenzgang aufweisen? Wozu ist dies gut?

Peter:
Das sind Auswirkungen der welt-weiten Globalisierung. Wenn in USA die Wände relativ weich aufgebaut sind; ebenso im Japan, dann schlucken diese Schall um 100 Hz. Um dem entgegen zu wirken, wird die Box so konstruiert, dass auch der Amerikaner oder Japaner in den Genuss dieser Frequenzen kommt; dies ist aber für Europa nicht so erfreulich, denn genau diese Frequenz wird dann zweimal angehoben: durch die Konstruktion und durch die wandnahe Aufstellung.

Dennis:
Das bedeutet, dass eine Pascal mit der zurückhaltenden Bassabstimmung genau auf den Europäischen Markt mit soliden Wänden abgestimmt ist.

Wie ist es mit der Räumlichkeit bei wandnaher Aufstellung?

Peter:
Das menschliche Ohr erzeugt mit dem Gehirn einen Raumeindruck, indem die ersten Schallfronten, die am linken und rechten Ohr eintreffen, ausgewertet werden. Stehen die Boxen dabei 20-50 cm nahe an der Wand, so trifft zuerst die direkte Schallfront und dann 20-50 cm verzögert die indirekte Schallfront über eine Reflexion an der Wand ein. Das ist nicht gut, da der Mensch so dichte Schallfronten nicht auseinander halten kann. Die zweite Schallfront sollte 1 Meter Abstand haben; dann entsteht für das Gehör ein Raumeindruck.

Dennis:
Das heißt, dass der Abstand zur seitlichen Wand - falls möglich - fast ein Meter sein sollte?

Peter:
So ist es.

    zum Interview-Überblick